Translation: Ute Broll Jonethal
Published in Kreise Ziehen January 1998
Im Sommer letzten Jahres nahm ich in er Schweiz an einem einwöchigen Tanzworkshop teil, der von Gabriele Wosien organisiert war. Wir tanzten griechische Tänze Kleinasiens. Unsere Lehrerin war Fouly Karagvriilidou, eine Frau aus Thessaloniki, deren Eltern aus Kleinasien fliehen mußten - wo griechische Gemeinden seit über dreitausend Jahren, bis zum gewaltsamen Bewohneraustauch mit der Türkei im Jahre 1923 - lebten. Die Tanzkultur dort war den alten, überlieferten Themen sehr nah verknüpft geblieben; die Frauen, die Erde und den Lebenszyklus ehrend. Wir lernten zwei wundervolle Tänze ('Mandilia' und 'Ionatista Mandilia'), welche die Trennung, die Trauer, das Treffen und die Freude von Demeter und Persephone darstellen.
In wunderbarer Synkronisation erhielt Marianne Inselmini (die auch am Workshop teilnahm) gerade während dieser Zeit einen Brief, der die Fotografie eines Reliefs des runden Athena-Pronaia-Altares des Orakels von Delphi enthielt. Wir stellten fest, daß die Frau zur Rechten etwas größer, rundgesichtiger und im allgemeinen etwas vollschlanker ist als die Frau zur Linken, die schlanker, mit jungem, faltenlosem Gesicht - sie lächelt auch night - erscheint: Mutter und Tochter, Demeter und Persephone. Was uns aber wirklich begeisterte, war ihre tänzerische Gestik, Tücher in den Handen haltend - genauso hatten wir es in den beiden Demeter-und-Persephone-Tänzem gelernt: man tanzt mit Schals oder Tüchern eben jener dargestellten Größe und Aussehens.
In der folgenden Woche, ich saß gerade am Computer und schrieb über den Workshop, traf eine Ausgabe des 'Goddessing Network News' mit der Post ein. Die Zeitschrift enthielt einen Artikel Uuber denselben runden Delphialtar, geschrieben von Ann-Rosemary Conway, deren Zeichnungen des Altars Details zeigten, die wir auf der Fotografie nicht sehen konnten. Die Tücher sind nicht nur in den Händen der tanzenden Frauen, sie sind auch um Girlanden gewunden, die über der Szene drapiert sind. Es sieht aus, als seien sie dort zum Trocknen aufgehängt. In der Bildunterschrift heißt es: 'Ursprünglich waren die Altartücher Menstruationstücher'. Sie sind offentsichlich wichtig, ansonsten wären sie nicht auf dem Altar einer der wichstigsten Heiligen Stätten der Alten Welt dargestellt worden. Und ist es wirklich reine Koinzidenz, daß die prophetischen Sybillen - die Delphi berühmt machten - ursprünglich als 'Bauchredner' bekannt waren?
Bis zum lesen von Ann-Rosemary Conways Altarbeschreibung was es mir nich eingefallen, daß die heutigen griechischen Schaltänze verschlüsselte, rituelle Ehrungen der Menstruationstücher sein könnten - ein Mittel, bewußt oder unbewußt, um öffentlich die Macht der Frauen - die so lange entwertet wurde - heiling zu halten. Aus Erfahrung weiß ich, daß die traditionelle Volkskunst - Tanz, Lied, Töpferware, Textilien - oft dieser Absicht diente. Die Schaltänze werden auch heute noch in Griechenland und der Türkei getanzt. Diese beiden Länder bilden ein großes Areal in Europa und Asien in welchem in früheren Tagen eine Verehrung der natürlichen Kreisläufe stattfand und die jetzt von den großen Religionen überdeckt sind; jedes auf seine eigene Art die innewohnende Heiligkeit der Natur verleugnend. Aber die Themen und Formen des früheren Glaubens konnten nie wirklich unterdrückt werden. Sie wurden nur verkleidet und tauchen weiterhin massanhaft in der Volkskunst und im Volkstanz dieses großen Areals auf.
Von der Prähistorie bis in unsere heutigen Tage glaubten die Menschen an die Heiligkeit der Natur und ihren lebensspendenden Zyklus. Dieser Wertschätzung des Wunders des Lebens verliehen sie Ausdruck in den motiven der Volkskunst. Weil religiöse und politische Moden es weniger akzeptabel machten diesen Glauben offen auszudrücken -- besonders die Verehrung der geheiligten Weiblichkeit als die Quelle des Lebens - wurden die gleichen grundsätzlichen Botschaften jetzt in verstecketer Form, verschlüsselt in Symbolen, wieder und wieder in Ausschmückungen, auf Töpferwaren und im Tanz weitergegeben. Diese nonverbale Sprache ist ein offenes geheimnis fürdie, die Augen haben zum Sehen und Ohren zum Hören.
Die lange, tragische, Ära in der es nötig war, jene Weisheit zu ihrer eigenen Sicherheit und die der Gläubigen in Symbolen zu verbergen, ist vielleicht einfach nur eine andere Art auf die wir den Niedergang und das Verschwinden von Persephone erfahren. Aus dieser Perspektiv gesehen, kann unser derzeitiges Millenium der kollektiven Entwertung der Erde, der Weiblichkeit und des Körpers, möglicherweise Teil eines natürlichen Zyklus von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Verhüllung und Enthüllung, Dunkelheit und Licht sein.
So muß unausweichlich auch diese dunkle Zeit zu Ende gehen. Überall sieht man schon ein Wiederauftauchen von Respekt für das Göttliche-Weibliche. Die Menschen ehren jetzt wieder nicht nur die Symbole, sondern die Wahrheit dessen, was Leben gitb und erhält: die Erde, die Ozeane und alle Wesen die sie beleben. Kollektive Verantwortung für Pflege und Schutz unserer aller Welt wird schon überall spürbar; wie die ersten grünen Sprosse und Blätter im Frühling. Unser Erwachen ist Persephones Erwachen: eine Zeit der Wiedergeburt und der Erneuerung, ein Wiederkehren das schweigen prophezeit wurde durch Generationen von SchaltänzerInnen.
Übrigens, Foulys Schals -- die sie nur zum Tanzen benutzte - waren ROT.